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Pressemitteilung

Nobelpreisträger und Institutsgründer Manfred Eigen begeht seinen 90. Geburtstag

9. Mai 2017

Manfred Eigen, langjähriger Direktor am MPI für biophysikalische Chemie und dessen Gründer, begeht am 9. Mai 2017 seinen 90. Geburtstag. Auch der ihm 1967 verliehene Nobelpreis für Chemie, mit dem er für seine bahnbrechenden Forschungsarbeiten zu ultraschnellen Reaktionen geehrt wurde, jährt sich zum 50. Mal.

„Manfred Eigens Vision, mit physikalischen, chemischen und biologischen Methoden komplexe Lebensvorgänge zu erforschen und das Entdeckte zum Nutzen für den Menschen anzuwenden, hat die Philosophie und den Erfolg unseres Instituts maßgeblich mitbestimmt. Wir haben Manfred Eigen viel zu verdanken! Zu seinem 90. Geburtstag gratulieren wir ihm herzlich und wünschen ihm weitere schöne Jahre bei guter Gesundheit“, sagte Stefan W. Hell, Geschäftsführender Direktor des MPI für biophysikalische Chemie.

Um den Jubilar zu ehren und seine Dankbarkeit auszudrücken, veranstaltet das Institut eine Feier im kleinsten Kreis mit engen Weggefährten, Direktorenkollegen und ehemaligen Mitarbeitern.

Nobelpreisträger und Institutsgründer Manfred Eigen. Bild vergrößern
Nobelpreisträger und Institutsgründer Manfred Eigen.

Im Alter von 18 Jahren stand Manfred Eigen vor einer schwierigen Wahl: Sollte er Wissenschaftler oder Pianist werden? „Ich dachte immer, ich würde einmal Musik studieren“, erinnerte sich Eigen, der in einem sehr musikalischen Elternhaus aufgewachsen war. Doch während des Zweiten Weltkriegs, in dem er als Luftwaffenhelfer dienen musste, fehlte ihm die Gelegenheit, das Klavierspiel zu üben. Er entschied sich schließlich für ein Studium der Physik und Chemie an der Universität Göttingen.

Als Manfred Eigen 1953 als junger Assistent von Karl Friedrich Bonhoeffer am MPI für physikalische Chemie damit anfing, extrem schnelle chemische Reaktionen zu untersuchen, galten einige dieser Abläufe als „unmessbar schnell“. Überzeugt davon, dass in der Chemie nichts unmessbar sei und allenfalls geeignete Methoden fehlten, begann der Physiko-Chemiker, die sogenannten Relaxations-Messmethoden zu entwickeln. 1954 stellte er diese bei der Faraday Society in London (England) öffentlich vor: Was er präsentierte, war eine wissenschaftliche Sensation: Denn mit diesen Methoden war es erstmals möglich, Reaktionsgeschwindigkeiten im Mikro- und sogar Nanosekunden-Bereich zu messen. Sein wissenschaftlicher Durchbruch, für den er gemeinsam mit Ronald G. W. Norrish und George Porter 1967 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde, klärte zentrale Fragen der Biochemie, beispielsweise wie Enzymaktivitäten gesteuert werden.

Einer der vielseitigsten deutschen Forscher

Angesteckt von Bonhoeffers Interesse für die Biologie befasste sich Manfred Eigen ab 1968 mit dem Problem der molekularen Selbstorganisation und der Entstehung des Lebens. Er stellte Darwins Idee der Evolution mittels natürlicher Auslese auf eine solide physikalische Basis und wandte diese auf molekulare Systeme an. Ihm gelang es damit, eine Brücke zwischen Biologie und Physik zu schlagen. Die Begriffe „Hyperzyklus“, „Quasispezies“ und „Fehlerschwelle“ sind untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Die inter- und multidisziplinären Forschungsarbeiten Eigens forderten jedoch zunehmend mehr Raum, als den Wissenschaftlern am damaligen MPI für physikalische Chemie in der Göttinger Bunsenstraße zur Verfügung stand. Eigens Vision, durch Zusammenlegen des MPI für physikalische Chemie und des MPI für Spektroskopie ein neues Institut mit Platz für zusätzliche fachlich anders ausgerichtete Abteilungen zu schaffen, wurde 1971 Wirklichkeit: Die Wissenschaftler der beiden Vorgänger-Institute wechselten in das bezugsfertige MPI für biophysikalische Chemie auf dem Faßberg. Von den anfangs fünf Abteilungen wuchs das Institut in den ersten Jahren auf 12 Abteilungen an.

Gründer der evolutiven Biotechnologie

Mit seinen Theorien zur Selbstorganisation komplexer Moleküle und der Entwicklung von „Evolutionsmaschinen" begründete Manfred Eigen in den 1980er Jahren schließlich einen neuen Zweig der Biotechnologie-Branche – die „evolutive Biotechnologie“. Mit Evolutionsmaschinen lassen sich heute grundlegende Mechanismen der Evolution im Zeitraffer im Labor untersuchen, darunter die Tricks, die das AIDS-Virus und andere tückische Krankheitserreger nutzen, um das Immunsystem zu überlisten. Mithilfe dieser Maschinen werden zudem neue molekulare Wirkstoffe identifiziert, um diese für die Entwicklung von Medikamenten einzusetzen.

„Wir waren hungrig nach Wissenschaft“ – mit dieser Einstellung, seiner drängenden Neugier und seiner großen Kollegialität hat der Naturwissenschaftler bis heute das Leben zahlreicher Mitarbeiter und Forscher geprägt.

Vita und Auszeichnungen

Manfred Eigen studierte Physik und Chemie an der Universität Göttingen. Nach seiner Promotion im Fach Physik bei Arnold Eucken und einer zweijährigen Forschungstätigkeit am Institut für Physikalische Chemie der Universität Göttingen wechselte er 1953 an das Göttinger MPI für physikalische Chemie und forschte dort bei Karl Friedrich Bonhoeffer. Vier Jahre nach der ersten Vorstellung seiner Relaxationsmethoden berief ihn das Institut 1958 als Direktor und Leiter der Abteilung „Chemische Kinetik“. Nach Gründung des MPI für biophysikalische Chemie auf Eigens Initiative hin leitete er dort von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1995 die Abteilung „Biochemische Kinetik“. In den Ruhestand ging Eigen allerdings nicht: Am MPI für biophysikalische Chemie sowie am „Scripps Research Institute“ in La Jolla (Kalifornien, USA) war er noch für viele Jahre wissenschaftlich aktiv. Eigen ist Mitbegründer der Firmen Evotec Biosystems (heute Evotec AG) und DIREVO Biosystems AG (heute Bayer HealthCare). Mit entscheidenden Impulsen hat Eigen nicht zuletzt die Förderung der Wissenschaft maßgeblich vorangebracht. So war er Vorsitzender des EMBO-Rates und des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für Immunologie in Basel (Schweiz). Als Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes von 1982 bis 1993 setzte er sich mit großem Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein.

Manfred Eigen ist so häufig geehrt worden wie kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler. Neben dem Nobelpreis für Chemie (1967) wurde er mit einer Vielzahl weiterer renommierter Preise ausgezeichnet, darunter dem Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik (1962), dem Paul-Ehrlich und Ludwig-Darmstädter-Preis (1992) und dem „Lifetime Achievement Award“ des „Institute of Human Virology“ in Baltimore (2005). Er erhielt 14 Ehrendoktorwürden und ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Akademien. Seine Geburtsstadt Bochum ernannte ihn 2001 zum Ehrenbürger der Universität, die Stadt Göttingen würdigte ihn mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Jahr 2002. (cr)

 
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