Von Bankenkrise bis Universum

Die Vortragsreihe „Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst“ lädt aktuelle Spitzenforscher in die Paulinerkirche.

26. September 2013

Warum neigt der Mensch dazu, sich und andere zu belügen? Welche Lehren lassen sich aus der aktuellen Bankenkrise ziehen? Und was ist eigentlich Zeit? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert in diesem Jahr die Vortragsreihe „Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst“. Vom 11. bis zum 20. Oktober, jeweils um 19 Uhr, präsentieren zehn renommierte, internationale Forscherpersönlichkeiten in der Paulinerkirche ihre aktuellen Bücher – und ermöglichen so Einblicke in Forschungsthemen aus allen Bereichen der Wissenschaft: von der Anthropologie bis zur Mathematik, vom Blick ins Weltall bis zum Blick auf uns selbst und in die Vergangenheit.

Wie in den Jahren zuvor rücken in der Vortragsreihe „Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst“ aktuelle gesellschaftliche Fragen in den Fokus und werden aus wissenschaftlicher Sicht diskutiert. So analysiert Martin Hellwig, Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, in seinem Vortrag „Des Bankers neue Kleider“ schonungslos die aktuelle Bankenkrise. Zudem skizziert der Ökonom eine Lösung, wie sich das Bankensystem auf gerechte Weise stabilisieren ließe. Ein Thema mit ebenso weitreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen greift der niederländische Neuropsychologe André Aleman auf: das Altern. In seinem Vortrag fasst er den heutigen Kenntnisstand zu den Alterungsprozessen des Gehirns zusammen und legt dar, ob und wie sich diese Vorgänge verlangsamen oder gar aufhalten lassen.

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Vortragsreihe ist die Erforschung des Menschen mit seinem vielschichtigen und nicht selten rätselhaften Verhalten. Warum gewähren viele Facebook-Nutzer einer breiten Öffentlichkeit Einblicke in ihr Privatleben? Warum vergeht kaum ein Tag, ohne dass wir andere (und uns selbst) belügen? Und warum fürchten sich viele Reisende vorm Fliegen, kaum jedoch jemand vorm Autofahren? Dieser letzten Frage geht der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer in seinem Buch „Risiko“ nach. Er untersucht nicht nur, wie der Mensch Risiken kalkuliert − und warum dies oft zu groben Fehleinschätzungen führt −, sondern erklärt zudem, wie man die richtigen Entscheidungen trifft. Dass Lügen und Selbstbetrug Grundlage einer erfolgreichen Überlebensstrategie sein können, diskutiert der bekannte amerikanische Soziobiologe Robert L. Trivers, und der Brite John Whitfield erklärt, warum uns unser guter Ruf so sehr am Herzen liegt – und dass er wenig damit zu tun hat, ob wir uns tatsächlich „gut“ verhalten.

Auch für geschichtlich Interessierte bietet der Literaturherbst in diesem Jahr neue Einblicke, etwa in die Geschichte der Anthropologie. Der Philosoph Kurt Bayertz zeichnet die Entwicklung dieser „Lehre vom Menschen“ nach. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Konzept des aufrechten Gangs bei, der jahrhundertelang als Unterscheidungskriterium zwischen Mensch und Tier diskutiert wurde. Ins frühe 18. Jahrhundert entführt der Wissenschaftsjournalist und Physiker Thomas de Padova seine Zuhörer und haucht mit der Frage „Was ist Zeit?“ einer der spannendsten wissenschaftlichen Diskurse jener Epoche neues Leben ein. Auch der Vortrag „Elefanten im All. Unser Platz im Universum“ von Ben Moore blickt zunächst zurück: Sein Vortrag schlägt einen Bogen von der frühen Erforschung des Universums bis zum dem Platz, den der Mensch nach heutigem Wissen darin einnimmt.

Einen ganz anderen Blick auf unsere kosmische Heimat wirft Ludolf Schultz in seinem Vortrag über Meteorite. Immer wieder kommt es vor, dass sich solche kosmischen Brocken den Weg aus dem All auf unsere Erde bahnen − zuletzt etwa Anfang dieses Jahres im russischen Ural, wo die Druckwelle viele Häuser beschädigte. Dabei bergen die „Boten aus dem All“ einzigartige Informationen über unser Sonnensystem und seine Entstehung. Eine unterhaltsame Synthese aus Mathematik und Kunst bietet der Mathematiker Günter M. Ziegler. Der Berliner betrachtet 24 Kunstwerke – von abstrakt bis gegenständlich – mit den Augen des Mathematikers und gewinnt ihnen so völlig neue Seiten ab.

Die zehnteilige Reihe wird veranstaltet von der Göttinger Literaturherbst GmbH, den Göttinger Max-Planck-Instituten für biophysikalische Chemie, für Dynamik und Selbstorganisation und für Experimentelle Medizin sowie von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Die Max-Planck-Institute stellen zudem die Moderatoren der Vorträge und ermöglichen so einen lebhaften und einzigartigen Gedankenaustausch zwischen den geladenen Forschern und ihren Göttinger Gastgebern.


Die Vorträge von Ben Moore, André Aleman, John Whitfield und Robert L.Trivers werden auf Englisch gehalten.

Die Vorträge finden vom 11. bis 20. Oktober jeweils um 19 Uhr in der Paulinerkirche (Papendiek 14) statt. Der Eintritt kostet zwischen 11 und 13 Euro. Im Vorverkauf sind die Karten erhältlich in der Buchhandlung Hugendubel (Weender Straße 33) und bei der Tourist-Information im Alten Rathaus
(Markt 9). Eine telefonische Kartenbuchung ist unter 0551 / 499 8031 möglich.

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