Mary Osborn erhält Bundesverdienstkreuz

7. März 2014

Die Göttinger Zellbiologin Mary Osborn vom Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie hat am 6. März 2014 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Bundespräsidenten erhalten. Die Auszeichnung wurde ihr von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka in Berlin feierlich überreicht.

Die Auszeichnung an Frau Professorin Osborn würdige mit großem Respekt ihre herausragende wissenschaftliche Arbeit. Damit verbunden sei auch der Dank für ihr außerordentliches ehrenamtliches Engagement in wissenschafts- und forschungspolitischen Gremien, betonte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Nicht zuletzt habe sich die Zellbiologin beharrlich eingesetzt, die Chancen von Frauen im deutschen Wissenschaftssystem zu verbessern.

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Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, gratuliert Prof. Dr. Mary Osborn (rechts) zum Bundesverdienstkreuz.

Der Name Mary Osborns ist untrennbar verbunden mit der sogenannten Immunfluoreszenz-Mikroskopie, die buchstäblich Farbe in die Zellbiologie brachte. Gemeinsam mit Klaus Weber gelang es Osborn in den 1970er Jahren, das Innenleben von Zellen nicht nur in 3D, sondern auch bunt darzustellen. Mithilfe eigens am MPI für biophysikalische Chemie entwickelter Antikörper machte die Wissenschaftlerin wichtige Bausteine des Zytoskeletts – Mikrotubuli und Intermediärfilamente – sichtbar. Sie zeigte, dass die filigranen Mikrotubuli in der Zelle Strukturen bilden, die wie Eisenbahnschienen Wege durch das Zellinnere bahnen und darüber den zellulären Frachtverkehr abwickeln. Ebenso beeindruckende Bilder gelangen Osborn und Weber von Intermediärfilamenten. Unter dem Fluoreszenz-Mikroskop verfolgten die Zellbiologen die Anordnung und die Funktion der Mikrotubuli und Intermediärfilamente in hunderten von Zellen gleichzeitig und demonstrierten damit eindrucksvoll das Potenzial dieser Methode. Sie revolutionierte die Zellbiologie und wird heute von Forschern in aller Welt tagtäglich eingesetzt.

Meilenstein in der Krebsdiagnostik

Wie Osborn zusammen mit Weber und dem Heidelberger Zellbiologen Werner Franke weiter herausfand, verleihen die Intermediärfilamente der Zelle auch einen charakteristischen „Fingerabdruck“. Fünf unterschiedliche Haupttypen dieses Filaments konnten die Wissenschaftler ausmachen, die je nach Zelltyp variieren. Diese Entdeckung lässt sich direkt für die Krebsdiagnostik nutzen, denn auch eine Tumorzelle hat einen solchen Fingerabdruck. Wenn eine Körperzelle zu einer Tumorzelle entartet, behält sie den Intermediärfilament-Typ ihrer Ursprungszelle bei. So können Antikörper, die spezifisch einen der fünf Intermediärfilament-Typen erkennen, direkt zur differenzierten Krebsdiagnose eingesetzt werden. Dies ist besonders für die 10 bis 15 Prozent Tumoren wichtig, deren Typ mit herkömmlichen Methoden nur schwer zu bestimmen ist. Möglich machte dieser Durchbruch in der Krebsdiagnostik die enge Zusammenarbeit mit den Pathologen Michael Altmannsberger, Alfred Schauer und Wen Domagala.

Neben der Immunfluoreszenz-Mikroskopie wurde noch eine zweite Methode durch die Arbeiten von Osborn und Weber weltweit bekannt: Die Forscher zeigten, dass mit der sogenannten SDS-Gelelektrophorese zuverlässig die Größe von Protein-Untereinheiten bestimmt werden kann. Die Methode ist seither aus keinem molekularbiologischen Labor mehr wegzudenken.

Neben ihren großen wissenschaftlichen Erfolgen hat sich Osborn auch in der Wissenschafts- und Forschungspolitik einen Namen gemacht. In zahlreichen Gremien, Fachbeiräten und Preiskomitees setzte sie sich dafür ein, die Bedingungen für Wissenschaftler zu verbessern und Nachwuchsforscher aktiv in ihrer Karriere zu unterstützen. Seit Beginn der 1990er Jahre engagiert sich die Zellbiologin besonders dafür, dass mehr Spitzenpositionen in der Wissenschaft mit Frauen besetzt werden, „weil sich von allein nichts ändert“. In den 1990er Jahren – nach pointierten Kommentaren Osborns in renommierten Fachzeitschriften zu diesem Thema – wurde man auch auf EU-Ebene auf diesem Gebiet aktiv. So trat die EU an Osborn mit der Bitte heran, hierzu eine internationale Expertengruppe zu bilden. Unter Osborns Leitung erstattete diese dem EU-Forschungskommissar Philippe Busquin direkt Bericht und veröffentlichte auch den sogenannten ETAN-Bericht mit ersten internationalen Vergleichszahlen. Dieser deckte schonungslos auf, wie wenig Frauen in der Wissenschaft in Top-Positionen zu finden waren – und formulierte klare Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Forscherinnen in EU-Mitgliedstaaten. Auf diesen Bericht hin verbesserte sich auf EU-Ebene manches: Die Teilnahme von Forscherinnen an wissenschaftlichen EU-Förderprogrammen wird nun überprüft und die Generaldirektion Forschung der EU erhöhte den Frauenanteil in mehreren wissenschaftspolitischen Spitzengremien auf über 20 Prozent. Nicht zuletzt werden nun zuverlässige Statistiken zur aktuellen Situation von Wissenschaftlerinnen in den verschiedenen Ländern Europas gesammelt und alle drei Jahre veröffentlicht.

Forschung in internationalen Top-Labors

Eine exzellente Ausbildung und Förderung war auch für die Zellbiologin der Schlüssel zum Erfolg. Mary Osborn (Jahrgang 1940) studierte Mathematik und Physik an der renommierten Cambridge University (Großbritannien) und erwarb ihren Master- und Doktortitel in Biophysik an der amerikanischen Pennsylvania State University. Im Laufe ihrer Karriere forschte sie in einigen der angesehensten Labors der Welt: An der Harvard University in Cambridge (USA) arbeitete sie als  Postdoktorandin mit Nobelpreisträger J.D. Watson und hatte akademische Positionen im Laboratory of Molecular Biology in Cambridge (Großbritannien) in der Abteilung von Sydney Brenner und Nobelpreisträger Francis Crick sowie im Cold Spring Harbor Laboratory (USA) inne. Eine aufregende Zeit, wie die Wissenschaftlerin rückblickend sagt. Im Jahr 1975 wechselte die gebürtige Britin an das MPI für biophysikalische Chemie nach Göttingen. Es blieb bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2005 ihre wissenschaftliche Heimat und viele ihrer Entdeckungen machte sie hier.

Für ihre bahnbrechenden wissenschaftlichen Arbeiten und ihr großes Engagement in der Wissenschafts- und Forschungspolitik hat Mary Osborn zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Meyenburg-Preis für Krebsforschung (1987), den Carl Zeiss-Preis (1998), den L’Oreal/UNESCO-Preis für Frauen in der Wissenschaft (2002) und die Dorothea Schölzer-Medaille der Universität Göttingen. Dort ist sie seit dem Jahr 1989 zudem Honorarprofessorin. Die polnische Pomerian Medical Academy in Szczecin verlieh ihr im Jahr 1997 die Ehrendoktorwürde. Sie ist gewähltes Mitglied der Academia Europaea und der European Molecular Biology Organisation (EMBO). (cr)

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