Die Familie Bonhoeffer im Widerstand

Die Familie Bonhoeffer im Widerstand

Das Bild von Karl Friedrich Bonhoeffer bleibt unvollständig ohne eine kurze Würdigung des Leids, das die Familie Bonhoeffer während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft hat erdulden müssen.

Mit erschütternden Worten schildert Bonhoeffer dies selber in einem Brief kurz nach Kriegsende an seine vier Kinder, die im Ferienhaus der Eltern Bonhoeffers in Friedrichsbrunn im Harz die letzten Kriegswirren und ersten Nachkriegswirren erlebten:

"... Ich will Euch von all dem erzählen. Warum? Weil meine Gedanken jetzt dort sind, dort in den Trümmern, wo keine Nachricht zu uns dringt, wo ich noch vor einem Vierteljahr Onkel Klaus (Bruder), den zum Tode Verurteilten, im Gefängnis besuchte. Die Berliner Gefängnisse! Was wußte ich von ihnen noch vor einigen Jahren, und mit wie anderen Augen habe ich sie seitdem angesehen. Das Charlottenburger Untersuchungsgefängnis, in dem Tante Christel (Schwester) einige Zeit gefangen saß, das Tegeler Militäruntersuchungsgefängnis, in dem Onkel Dietrich (Bruder) anderthalb Jahre saß, das Moabiter Militärgefängnis mit Onkel Hans (von Dohnanyi, verheiratet mit Schwester Christel), das SS-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße, wo Onkel Dietrich ein halbes Jahr im Kellergeschoß hinter Gitter gehalten wurde, und das Gefängnis in der Lehrter Straße, wo man Onkel Klaus folterte und Onkel Rüdiger (Schleicher, verheiratet mit Schwester Ursula) quälte, wo sie noch zwei Monate nach ihrem Todesurteil lebten.

Vor all diesen Gefängnissen habe ich an den schweren Eisentoren gewartet, wenn ich in den letzten Jahren in Berlin war. Dorthin habe ich Tante Ursel und Tante Christel, Tante Emmi (geb. Delbrück, verheiratet mit Bruder Klaus) und Maria (von Wedemeyer, verlobt mit Bruder Dietrich) begleitet, die oft täglich hingingen, um Sachen zu bringen oder abzuholen. Oft kamen sie umsonst, oft mußten sie sich von niederträchtigen Kommissaren beschimpfen lassen, manchmal aber fanden sie auch einen freundlichen Pförtner, der menschlich dachte und einen Gruß ausrichtete, der außerhalb der vorgeschriebenen Zeit etwas abnahm oder Essen trotz Verbotes den Gefangenen gab. ..... Und jetzt! Das letzte Mal war ich Ende März in Berlin; kurz vor Großpapas 77. Geburtstag mußte ich zurück. Onkel Klaus und Onkel Rüdiger lebten noch; Onkel Hans gab durch den Arzt Nachrichten, die nicht ganz hoffnungslos waren; von Onkel Dietrich, der Anfang Februar von Berlin durch die SS verschleppt worden war, fehlte jede Spur. Onkel Dietrich hat jemand noch ausführlich am 5. April gesprochen, in der Gegend von Passau. Von dort sollte er in das Konzentrationslager Flossenbürg bei Weiden gebracht werden. Warum ist er noch nicht hier? ..."


Familienbild der Familie Bonhoeffer aus dem Jahre 1926 in der Wangenheimstraße 14 in Berlin.

Die beiden Brüder, Dietrich (führender Kopf der bekennenden Kirche) und Klaus Bonhoeffer (Chefjustitiar der deutschen Lufthansa), und die beiden Schwager, Hans von Dohnanyi (Leiter der politischen Abteilung im Stab Canaris, der für die Abwehr zuständig war, aber an den Aktivitäten zur Beseitigung Hitlers intensiv beteiligt war) und Rüdiger Schleicher (Leiter der Rechtsabteilung im Reichsluftfahrtministerium und des Instituts für Luftrecht an der Berliner Universität), wurden im April 1945, also noch im letzten Kriegsmonat ermordet. Justus von Delbrück (Referatsleiter im Stab Canaris), ein weiterer Schwager, wurde kurz vor Kriegsende aus dem Gefängnis entlassen, aber zwei Wochen später vom sowjetischen Militär wieder inhaftiert; er starb wenig später in einem Straflager in der Niederlausitz. Allem vorausgegangen ist die Ermordung eines Onkels mütterlicherseits, des Stadtkommandanten von Berlin, Generalleutnant Paul von Hase, der gleich nach dem (versuchten) Attentat auf Hitler mit seinen Truppen das Regierungsviertel in Berlin umstellt hat, um die Regierungsmitglieder zu verhaften. - Die engeren Familien der beiden jüngsten Schwestern von KFB, Sabine und Susanne, haben die Schreckensherrschaft der Nazis körperlich unbeschadet überlebt. Sabine und ihr Mann Gerhard Leibholz, seit 1931 Ordinarius für Staatsrecht an der Universität Göttingen, flohen vor Kriegsbeginn nach England, nachdem ihm als Juden das Betreten der Universität untersagt worden war. Nach Kriegsende, 1947, übernahm Leibholz wiederum den Lehrstuhl für Staatsrecht in Göttingen und war schließlich ab 1951 für viele Jahre als Bundesrichter am Bundesverfassungsgericht tätig. Susanne war mit dem Theologen Walter Dress verheiratet, dem an der Berliner Universität auf Grund des sog. Kommunistenparagraphen ebenfalls die Lehrerlaubnis entzogen worden ist und dem später die Nachfolge des von den Nazis verhafteten Pfarrers Martin Niemöller in der Dahlemer Kirche in Berlin übertragen wurde. Nach Kriegsende wurde er wieder an die Universität auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte berufen, behielt aber sein Pfarramt in Dahlem bei.


Die moralische Größe der Bonhoeffers können wir aus einem Brief des Bonhoeffer-Vaters an einen früheren Mitarbeiter in Boston erkennen, in dem er ihm über den Tod zweier Söhne und zweier Schwiegersöhne berichtet: "... Sie können sich denken, dass das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. Die Jahre hindurch stand man unter dem Druck der Sorge um die Verhafteten und die noch nicht Verhafteten, aber Gefährdeten. Da wir aber alle über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und die Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Misslingens des Komplotts, und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz auf ihre gradlinige Haltung. Wir haben von den Söhnen schöne Erinnerungen aus dem Gefängnis ... die uns und ihre Freunde sehr bewegen ..."

Karl Friedrich Bonhoeffer gehörte zu den Gefährdeten:

  • er verweigerte 1933 die Unterschrift unter die Gehorsams- und Treueerklärung (Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein...), die damals allen deutschen Beamten abverlangt wurde;
  • nach Habers Demission, zu der dieser wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis gedrängt war und der unter den damals herrschenden politischen Bedingungen nicht mehr in Deutschland leben wollte und emigrierte, bekundete Bonhoeffer, "dass ich mich stets mit Stolz und Dankbarkeit zu meinem Lehrer Haber bekennen und seine Verdienste um Deutschlands Wissenschaft und Technik den künftigen Generationen vermitteln werde";
  • er nahm gegen das Verbot des Kultusministers an der Feier der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zum Gedächtnis von Fritz Haber teil, auf der Otto Hahn die von Karl Friedrich Bonhoeffer verfasste Gedenkrede verlas;
  • er protestierte gegen die Diffamierung Heisenbergs durch die Deutschen Physiker als weißer Jude und Einstein-Jünger, er bezeichnete sich öffentlich selbst als weißer Jude, weil er Schüler von Haber war;
  • bis 1944 beschäftigte und schützte er jüdische Mitarbeiter in seinem Institut; eine besondere Gefahr ging von seinem Mitarbeiter Prof. Kröger aus, der Bonhoeffer wegen politischer Unzuverlässigkeit und Philosemitismus beim Rektor denunziert und bei der geheimen Staatspolizei angezeigt hat;
  • und letztendlich war Karl Friedrich Bonhoeffer durch seine Brüder und Schwäger Mitwisser der umfangreichen Aktivitäten, die schließlich 1944 zum (misslungenen) Attentat auf Hitler führten – damals allein das schon ein Verbrechen, das mit der Todesstrafe geahndet wurde.

Er hatte Glück gehabt, nicht in die Fänge der Nazis zu gelangen. - Rückblickend sagte er später: "Was uns damals aufrecht hielt, war die geschlossene Front der Familie gegen die Nazis. Aber wir haben es schwer büßen müssen."

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