Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis für Tobias Moser

10. Dezember 2014
Tobias Moser, Professor für Auditorische Neurobiologie an der Universitätsmedizin Göttingen und Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie, erhält den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2015. Dies gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heute bekannt. Neben Tobias Moser wurden sieben weitere Wissenschaftler ausgezeichnet, ausgewählt aus 136 Vorschlägen. Das Preisgeld von bis zu 2,5 Millionen Euro soll die Forschungsbedingungen der Preisträger verbessern, sie von administrativen Aufgaben entlasten und die Einstellung besonders qualifizierter Nachwuchswissenschaftler erleichtern. Mit Tobias Moser forschen nun acht Leibniz-Preisträger am MPI für biophysikalische Chemie.
Prof. Dr. Tobias Moser

Tobias Moser wird mit der höchsten deutschen Auszeichnung für seine Forschung geehrt, die sich dem besseren Verständnis grundlegender Prozesse des Hörens widmet. Der Mediziner will den Mechanismus entschlüsseln, wie die Signalübertragung an den Synapsen von Haarsinneszellen und Synapsen der zentralen Hörbahn funktioniert. Unter eingeschränkter Hörfähigkeit leiden weltweit mehr Menschen als unter jeder anderen Sinnesstörung. Somit ist es von besonderer Bedeutung, die sensorischen Mechanismen, die beim Hören eine Rolle spielen, im molekularen Detail zu entschlüsseln. Tobias Moser und seinen Mitarbeitern ist in dieser Hinsicht ein Durchbruch gelungen: Sie konnten den Hörnerv mithilfe optischer Reize anregen. Dies könnte zur Entwicklung verbesserter Innenohrimplantate beitragen.

Aus der Pressemitteilung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Wie die DFG in ihrer Begründung erklärte, hat Tobias Moser mit seinen Arbeiten erheblich zu einem besseren Verständnis synaptischer Prozesse im Innenohr und damit der Grundlage des Hörens beigetragen. Seine neuen konzeptionellen wie technischen und experimentellen Ansätze haben Maßstäbe gesetzt, die nun mit dem Leibniz-Preis gewürdigt werden.

Mosers Hauptinteresse gilt den Haarsinneszellen im Innenohr, deren Verlust jeder Mensch ab einem gewissen Alter erleidet und der zu erheblichen Einschränkungen in der Kommunikation mit Mitmenschen führen kann. Bei der Erforschung dieser elektrophysiologisch, molekularbiologisch und mechanisch höchst komplexen und zudem schwer zugänglichen Zellen verband Moser anspruchsvollste Grundlagenforschung mit translationalen Ansätzen und klinischer Praxis. Besondere Bedeutung haben dabei seine Arbeiten zur Synapse der inneren Haarsinneszellen, der „Ribbon-Synapse“. Diese ist, wie Moser entschlüsseln konnte, für die synchrone Aktivität der Hörnerven verantwortlich und damit die Grundlage für die Wahrnehmung der Tonhöhen und für die Schalllokalisation. Auf diese Weise konnte Moser auch zeigen, wie es möglich ist, mit Milli- und teilweise Mikrosekunden-Genauigkeit akustische in bioelektrische Signale umzusetzen. Auf translationalem und klinischem Gebiet entwickelte Moser schließlich mit optischen Stimulationen im Innenohr eine Alternative zur derzeit gebräuchlichen elektrischen Stimulation durch Cochlea-Implantate, der eine große Zukunft prognostiziert wird.

Über den Preisträger

Geboren 1968, studierte Tobias Moser Medizin in Leipzig und Erfurt. Er wurde mit einer im Göttinger Labor des Leibniz- und Nobelpreisträgers Erwin Neher angefertigten Arbeit promoviert. In Nehers Abteilung am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie blieb er auch danach als Postdoktorand und Nachwuchsgruppenleiter. Parallel dazu begann er eine Facharztausbildung an der Universität Göttingen, an deren Universitätsklinikum er seit 2001 eine eigene Arbeitsgruppe, das „InnerEarLab“ leitet. Nach der Habilitation in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde 2003 wurde er 2005 zum Professor ernannt und hat seit 2007 einen eigenen Lehrstuhl inne. Nachdem er mehrere Rufe aus Deutschland und den USA abgelehnt hat, baut Moser aktuell in Göttingen ein neues Institut für Auditorische Neurowissenschaften auf. Ebenso ist er Sprecher des seit 2011 geförderten Göttinger Sonderforschungsbereichs (SFB) „Zelluläre Mechanismen Sensorischer Verarbeitung“. Seit Dezember dieses Jahres forscht Tobias Moser außerdem mit einer eigenen Forschungsgruppe am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie.

Über den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis

Der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis wird seit 1986 jährlich von der DFG verliehen. Neben dem Preisgeld und dem hohen Renommee verschafft die Auszeichnung den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr Freiheit für ihre Forschung. Sie können das Preisgeld von bis zu 2,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von sieben Jahren nach ihren eigenen Vorstellungen und ohne bürokratischen Aufwand für ihre Forschung verwenden.

Mit den acht Preisen für 2015 sind bislang insgesamt 328 Leibniz-Preise vergeben worden. Sieben Leibniz-Preisträger haben nach der Auszeichnung mit dem wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland später auch den Nobelpreis erhalten: Hartmut Michel (Chemie, 1988), Erwin Neher und Bert Sakmann (Medizin, 1991), Christiane Nüsslein-Volhard (Medizin, 1995), Theodor W. Hänsch (Physik, 2005), Gerhard Ertl (Chemie, 2007) sowie Stefan Hell (Chemie, 2014).

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