Das MPI für biophysikalische Chemie – wie alles begann

Das weitläufige Weide- und Ackerland am Faßberg hatte Manfred Eigen zusammen mit Leo De Maeyer während eines Spaziergangs rund um den Nikolausberg entdeckt: groß genug für die Umsetzung seiner Idee, ein neues Max-Planck-Institut mit vielen Abteilungen zu gründen und nahe genug an der Stadt Göttingen, um Kontakt zur Universität zu halten. Um die von ihm entwickelten Methoden zur Messung ultraschneller Reaktionen und weitere physikalische Techniken auf biologische Fragestellungen anzuwenden, brauchte es mehr Platz als Manfred Eigen und seinen Kollegen am damaligen MPI für physikalische Chemie in der Bunsenstraße zur Verfügung stand.

Kurz nach der Verleihung des Nobelpreises mangelte es Eigen nicht an Angeboten renommierter Forschungsinstitutionen weltweit, dort seine Forschung fortzusetzen. Und so stieß er mit seiner Idee, durch Zusammenlegung der beiden bestehenden Göttinger MPI für physikalische Chemie und für Spektroskopie ein neues, großes Institut zu schaffen, bei der Max-Planck-Gesellschaft auf Unterstützung; schließlich wollte man ihn als Direktor unbedingt halten.

Blick von der Otto-Hahn-Straße auf das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie am Faßberg 1972.



Bauzeit und Kosten eingehalten

Zwischen den Jahren 1968 und 1972 wuchs das Institut auf dem Göttinger Faßberg in die Höhe – mit zunächst fünf Türmen. Entworfen hatte es der Architekt Walter Henn, der auch für die Bauausführung verantwortlich war. Die Beschreibung der Bauleistungen umfasste neben 80 Bauplänen mehrere 1000 Seiten Dokumentation, die Fertigstellung des Instituts dauerte 30 Monate und kostete rund 47 Millionen Deutsche Mark. Sowohl die veranschlagten Kosten als auch die Bauzeit wurden eingehalten!

Manfred Eigen und Max Delbrück in wissenschaftlicher Diskussion während der Einweihung des Instituts.

Die Anlage sei großzügig, wirke aber insgesamt etwas monumental – „betonierter Erfolgszwang” sagten damals einige Göttinger mit unbehaglichem Gefühl, die glaubten, das Geld stamme aus der Stadtkasse. Doch tatsächlich war das Institut weit davon entfernt: In den einzelnen Abteilungen und Laboren herrschte nüchterne Zweckmäßigkeit als Folge des Baukastenprinzips. Für die anfänglich 267 Institutsmitarbeiter gab es viel „Bau in Serie“ statt individuellen Aufwand.

Mit der Zusammenführung der Institute wurde auch die Otto-Hahn-Bibliothek übernommen, die seit 1946 als selbstständige Institution der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen bestand und deren Grundstock noch aus den Kaiser-Wilhelm-Instituten in Berlin stammte.

Am 10. Mai 1972 erfolgte die offizielle feierliche Einweihung des neuen Instituts auf dem Faßberg in Anwesenheit von Max-Planck-Präsident Adolf Butenandt. Das wissenschaftliche Festkolloquium umfasste Vorträge von Sir John Eccles, Max Delbrück und Manfred Eigen. Der Festvortrag von Paul Harteck war der Person Karl Friedrich Bonhoeffers gewidmet. Der Physiko-Chemiker Bonhoeffer hatte 1949 das einstige Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie in Göttingen wieder aufgebaut. Er verfolgte dabei einen stark interdisziplinären Ansatz und verstand es in hervorragendem Maße, jüngere Forscher dafür zu begeistern, wissenschaftliche Fragen selbstständig zu beantworten. Bonhoeffer zu Ehren wurde das MPI für biophysikalische Chemie in seinem Zweitnamen nach ihm benannt.

‚Zugereiste’ und ‚Alte’

Zu den zunächst fünf Abteilungen aus den beiden Vorläufer-Instituten kamen im Laufe der ersten Institutsjahre sieben weitere hinzu. „‚Zugereiste’ und ‚Alte’ bereicherten einander mit Anregungen und ergänzendem Fachwissen“, beschrieb es der damalige Max-Planck-Direktor Otto D. Creutzfeldt in den Berichten und Mitteilungen der Max-Planck-Gesellschaft 1975. „Zahlreiche Arbeitsgruppen sind hier netzwerkartig miteinander verbunden und arbeiten an der Lösung spezieller und allgemein naturwissenschaftlicher Probleme – geplant, spontan, miteinander wetteifernd und konkurrierend.“

Ganz in der Tradition von Manfred Eigen verfolgt das Institut bis heute einen inter- und multidisziplinären Ansatz, bei dem die klassischen Naturwissenschaften – Biologie, Chemie und Physik – vernetzt und auf biologische Fragestellungen angewendet werden. Eine Vision, die nun seit fast 50 Jahren trägt. (cr)

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