Informationen zum SPIEGEL-Artikel "Der Mensch im Tier" und zur dpa-Meldung "Nationaler Ethikrat will sich mit Chimären-Experimenten befassen"

2. Mai 2005

Durch einen Artikel im "Spiegel" (18/2005, S.148) und eine darauf aufbauende dpa-Meldung (01.05.2005 16:12:00) ist ein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie (MPIbpc), das in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Primaten-Zentrum (DPZ) Göttingen durchgeführt wurde, in einen falschen und ethisch problematischen Kontext gestellt worden. Im Nachfolgenden geben wir Informationen zu diesem Projekt.

Die Forschung von Prof. Dr. Mansouri beschäftigt sich mit der Entwicklung eines neuen therapeutischen Ansatzes bei der Parkinson-Krankheit. Diese Erkrankung ist charakterisiert durch einen fast ausschließlichen Verlust von dopaminergen Nervenzellen im Gehirn. Eine medikamentöse Behandlung mit dopaminerg wirksamen Substanzen kann zwar, insbesondere in den Anfangsstadien, zu einer Besserung der Symptome führen, beinhaltet jedoch bei der Langzeitbehandlung viele Probleme und ist oft unbefriedigend. Deshalb werden weitere Behandlungs-möglichkeiten zur Therapie dieser häufigsten neurodegenerativen Erkrankung dringend benötigt.

Eine neue Therapieoption besteht in der Zellersatztherapie. Ziel der Zellersatztherapie ist es, durch Transplantation von Dopamin-produzierenden Zellen in das Gehirn die durch die Krankheit untergegangenen Zellen zu ersetzen. Ein viel versprechender Ansatz zur Gewinnung von dopaminergen Nervenzellen zur Transplantation ist die zielgerichtete in vitro-Differenzierung von embryonalen Stammzellen.

Die Transplantationsexperimente von Prof. Dr. Mansouri in Tiermodellen der Parkinson-Erkrankung erfolgen mit murinen ("von der Maus") und humanen embryonalen Stammzellen. Alle Experimente wurden am 29.10.2003 vom Robert-Koch-Institut genehmigt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Nach Transplantationen von differenzierten embryonalen Stammzellen der Maus bei Ratten wurden differenzierte humane Stammzellen in Weißbüschelaffen transplantiert, um zu untersuchen, ob die Erkenntnisse aus den Experimenten mit Nagetieren auf Primaten übertragbar sind. Das Tierversuchsvorhaben wurde im Rahmen des BMBF-Forschungsverbundes ordnungsgemäß beantragt und von der Bezirksregierung Braunschweig genehmigt.

Ein Problem nach der Transplantation von Zellen, die durch Differenzierung von embryonalen Stammzellen gewonnen wurden, stellt eine mögliche Tumorentwicklung durch das Transplantat dar. Welche Zellen die Tumorentwicklung bewirken, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend bekannt und derzeit Gegenstand der Forschung.

In dem vom SPIEGEL angesprochenen Experiment wurden differenzierte humane Stammzellen in die Gehirne von zwei Weißbüschelaffen transplantiert. Anders als im SPIEGEL dargestellt, handelte es sich um differenzierte Neurone, die aus embryonalen Stammzellen gewonnen wurden. Die Tiere wurden in den Einrichtungen des DPZ kontinuierlich überwacht und zeigten nach der Transplantation keinerlei Anzeichen von Leiden, Schmerzen oder Schäden. Fünf Wochen nach der Transplantation wurden die Tiere, wie geplant, zur weiteren Analyse eingeschläfert. Sie starben nicht, wie im SPIEGEL dargestellt, an Tumoren. Die immunhistochemische Analyse ergab bei beiden Tieren einen Verdacht auf Tumorbildung. Aufgrund der histologischen Daten wurden keine weiteren Transplantationen mit Transplantaten aus embryonalen Stammzellen an Affen durchgeführt.

Es handelte sich bei den Experimenten um genehmigte Tierversuche im Rahmen der Grundlagenforschung. Sie haben nichts mit einer in dem Artikel angesprochenen Erzeugung von "Mischwesen (Chimären)" und der damit zusammen hängenden ethischen Problematik zu tun. Unserer Auffassung nach wird in dem SPIEGEL-Artikel mit dem Begriff der Chimäre äußerst missverständlich umgegangen. Bei den genannten Versuchen handelt es sich keineswegs um die Generierung von Chimären, sondern lediglich um eine Transplantation. Chimären sind Organismen, deren Gewebe nach der Injektion von undifferenzierten Stammzellen in den frühen Embryo (Blastocyste) aus unterschiedlichem Erbgut zusammengesetzt sind.

Ebenfalls missverstanden wurde die weitere Forschungsstrategie zur Ausschaltung möglicher Tumor-bildender Zellen. Experimente mit "Terminator-Genen" sind mit embryonalen Stammzellen von Mäusen geplant, die lediglich in Ratten – und nicht in Affen – transplantiert werden sollen.

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