ERC Advanced Grant für Patrick Cramer

31. März 2020

Jedes Jahr bewerben sich Spitzenforscher beim Europäischen Forschungsrat (ERC) um Fördermittel, besonders begehrt sind die hochdotierten ERC Advanced Grants. Der Göttinger Max-Planck-Direktor Patrick Cramer war dabei jetzt bereits zum dritten Mal erfolgreich – eine Ausnahmeleistung. Der Biochemiker erforscht, wie Zellen die im Erbgut gespeicherte Information nutzen. Seine Arbeit zur Regulation dieses fundamentalen Prozesses wird nun mit rund zwei Millionen Euro gefördert.

Prof. Dr. Patrick Cramer

Wie entsteht aus einer befruchteten Eizelle ein Lebewesen? Wie werden Nerven-, Muskel- oder Hautzellen gebildet? „Unsere Gene sind in verschiedenen Zellen unterschiedlich aktiv“, weiß Cramer, der am Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie die Abteilung Molekularbiologie leitet. Zellen steuern je nach Bedarf, welche Gene sie aktivieren, um die in ihnen gespeicherte Information abzurufen. Nur von aktiven Genen werden Kopien in Form von langen RNA-Molekülen erstellt, die dann als Bauanleitung für Proteine dienen. Diesen Vorgang –Transkription genannt – übernehmen zelluläre Kopiermaschinen, die sogenannten RNA-Polymerasen, die nur etwa 15 millionstel Millimeter groß sind.

Cramers Team war es bereits gelungen, die dreidimensionale Struktur mehrerer RNA-Polymerasen zu entschlüsseln und so ihre Funktionsweise zu verstehen. „In unseren bisherigen Arbeiten haben wir untersucht, wie RNA-Polymerasen DNA als Kopiervorlage verwenden, um RNA zu produzieren“, sagt der Max-Planck-Forscher. „Dabei haben wir herausgefunden, wie die Kopiermaschine den Anfang der Gene erkennt und wie sie an der DNA entlanggleitet, um die RNA-Kette zu verlängern.“ Die Abteilung konnte auch zeigen, wie der Prozess gleich zu Beginn reguliert wird, noch bevor lange RNA-Moleküle gebildet werden.

Doch die Situation in lebenden Zellen ist viel komplizierter: Denn die DNA liegt nicht „nackt“ vor, sondern bildet mit mehreren Proteinen einen Komplex, der Chromatin genannt wird. Das Zusammenspiel zwischen Chromatin und der Transkriptionsmaschinerie sei viel weniger verstanden, so Cramer. Gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern will der Wissenschaftler aufklären, wie das Chromatin lokal geöffnet wird und die Kopiermaschine Zugang zur DNA erhält. Denn dieser Prozess spielt bei der Entwicklung von Organismen und der Entstehung verschiedener Zelltypen eine zentrale Rolle. Zudem hat diese Chromatin-Regulation wichtige Funktionen in Stammzellen und bei der Entstehung von Krebs.

Der dritte ERC Advanced Grant ist ein toller Erfolg für unser ganzes Team, denn er würdigt neben unseren Plänen auch das, was wir in den vergangenen Jahren erreicht haben“, erklärt Cramer. „Wir wollen die Förderung jetzt nutzen, um mehr über die Mechanismen der Transkription im Chromatin-Kontext zu erfahren.“ (pc/is/fk)

Über Patrick Cramer

Patrick Cramer studierte Chemie in Stuttgart und Heidelberg sowie im britischen Bristol und Cambridge. Nach Abschluss seiner Doktorarbeit am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Grenoble (Frankreich) forschte er an der Stanford University (USA) im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Kornberg. 2001 wurde er als Professor für Biochemie an das Genzentrum der Ludwig-Maximilians-Universität in München berufen, dessen Direktor er von 2004 bis 2013 war. Seit 2014 ist er Direktor am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen und leitet dort die Abteilung Molekularbiologie. Für seine Forschungsarbeiten erhielt Cramer zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Schering-Preis, den Jung-Preis für Medizin und den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Über die ERC Advanced Grants

Die ERC Advanced Grants werden seit 2008 vom Europäischen Forschungsrat (ERC) vergeben. Bewerben können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die unabhängige Gruppen leiten und mindestens zehn Jahre exzellenter Forschung vorweisen können. Im Schnitt bewerben sich rund 2000 von ihnen jährlich um die Förderung. Der Wettbewerb um die Fördermittel ist hoch kompetetiv: In diesem Jahr waren von den eingereichten 1881 Anträgen lediglich 185 erfolgreich. Das entspricht einer Förderquote von knapp 10 Prozent. 

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