Reinhard Lührmann erhält die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin

14. Oktober 2020

Die Hochschule hat den Emeritus-Direktor vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie zum Ehrendoktor ernannt. Sie würdigt mit dieser Auszeichnung Reinhard Lührmanns Pionierarbeiten in der Spleißosomen-Forschung, einem Gebiet, auf dem er zu den führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit zählt. Spleißosomen sind molekulare „Schneidetische“, die die Bauanleitung für Proteine – die Werkzeuge lebender Zellen – in eine lesbare Form bringen.

Prof. Dr. Florian Heyd (links) überreichte die Urkunde für die Ehrendoktorwürde an den RNA-Biochemiker Prof. Dr. Reinhard Lührmann

„Es gibt wohl auf der Welt niemanden, der das Spleißosom und die Spleißreaktion besser versteht als Reinhard Lührmann“, sagte Florian Heyd, Professor an der Freien Universität Berlin, der die Urkunde feierlich überreichte. Dem Biochemiker seien maßgebliche Entdeckungen zu verdanken, wie das Spleißosom im molekularen Detail aufgebaut sei und die Spleißreaktion funktioniere. Weltweit hätten Forscherinnen und Forscher von seiner Methodenentwicklung und seiner Begeisterung profitiert.

Lebende Zellen stellen Proteine in einem komplizierten Prozess her, der mehrere Schritte umfasst. Zunächst wird die in der DNA kodierte genetische Information für ein Protein umkodiert in eine Arbeitskopie, die sogenannte Boten-Ribonukleinsäure (Boten-RNA). Diese Rohfassung lässt sich allerdings nicht sofort für die Proteinherstellung einsetzen. Denn gewöhnlich liegt der Bauplan für ein Protein nicht in einem Stück vor, sondern in mehreren Abschnitten – den Exons. Zwischen diesen Exons liegen Bereiche, die aus der Rohfassung herausgeschnitten werden müssen – die Introns. Die benötigten Exons werden schließlich lückenlos miteinander zu einer fertigen Bauanleitung für Proteine verbunden. Alle diese Aufgaben übernimmt das Spleißosom als molekularer „Schneidetisch“.

Reinhard Lührmann erforscht seit mehreren Jahrzehnten die Struktur und die Arbeitsweise dieser komplexen Nanomaschine, die aus vielen Proteinen und kleinen RNAs besteht. Seinem Team gelang es, Spleißosomen aus menschlichen Zellen und Hefezellen in verschiedenen Stadien ihrer Arbeit biochemisch und funktionell zu untersuchen. Lührmanns Gruppe zeigte, dass die Nanomaschine äußerst dynamisch ist und während des Spleißzyklus ständig umarrangiert wird. In einer Kooperation mit dem Institutskollegen Holger Stark konnte der Biochemiker mithilfe der Kryo-Elektronenmikroskopie die dreidimensionalen Strukturen menschlicher Spleißosomen in verschiedenen Phasen des Spleißprozesses mit hoher Auflösung sichtbar machen. Diese Strukturen lieferten den Max-Planck-Forschern neue Erkenntnisse über die Funktion und Dynamik der Nanomaschine und den Mechanismus des Spleißens.

Diese Einblicke sind nicht zuletzt wichtig, um die molekularen Grundlagen von Krankheiten aufzuklären, die mit Fehlern beim Spleißen zusammenhängen. Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 20 Prozent der genetischen Erkrankungen beim Menschen auf Mutationen basieren, die die Funktion des Spleißosoms beeinträchtigen. Ein Beispiel hierfür gab der Laudator Juan Valcárcel Juárez vom Center for Genomic Regulation in Barcelona (Spanien) in seiner Rede: „Reinhard Lührmanns bahnbrechende Grundlagenforschung hat dazu geführt, dass Erbkrankheiten wie etwa die spinale Muskelatrophie heute besser verstanden und therapiert werden können.“ (cr)

Über den Preisträger

Reinhard Lührmann promovierte 1975 an der Universität Münster in Chemie. Von 1981 bis 1988 leitete er eine Arbeitsgruppe am Otto-Warburg-Laboratorium des Berliner Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik. 1982 habilitierte er sich an der Freien Universität Berlin in Molekularbiologie und Biochemie. 1988 übernahm er eine Professur für physiologische Chemie und molekulare Biologie an der Universität Marburg. Ab1999 leitete er am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie die Abteilung Zelluläre Biochemie und ist seit 2019 Leiter der Emeritusgruppe mit selbigem Namen. Reinhard Lührmann erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, unter anderem den Max-Planck-Forschungspreis (1990), den Leibniz-Preis (1996), den Feldberg-Preis (2002), den Ernst-Jung-Preis für Medizin (2003), den Cozzarelli-Preis (2006) und den Lifetime Achievement in Science Award der RNA Society (2014). Er ist Honorarprofessor an der Universität Göttingen und Ehrendoktor an der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (Polen).

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