Wider das Vogel- und Insektensterben: Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie schafft vielfältiges Biotop

19. März 2021

Das in den kommenden Monaten entstehende BioDiversum soll bedrohten Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bieten. Heute haben die Erdarbeiten für den Teich begonnen, das zentrale Element des Biotops. Mit dem Projekt auf seinem Gelände bei Nikolausberg will das Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie seinen Beitrag leisten, um den massiven Schwund an biologischer Artenvielfalt aufzuhalten.

Ein Frühling ohne Vogelgezwitscher, ein Sommer ohne Insektensummen – dieses ökologische Schreckensszenario könnte Wirklichkeit werden, wenn sich der Verlust an Biodiversität in bisheriger Geschwindigkeit fortsetzt. Der Bestand an Vögeln ist in Deutschland seit 1965 um 65 Prozent eingebrochen, der an Insekten um 80 Prozent seit 1980. Laut dem Diversitätsbericht 2019 der Vereinten Nationen sind weltweit rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht. 

Montage des Teichs mit Beobachtungsplattform 

„Wir wollen dazu beitragen, dieser dramatischen Entwicklung entgegenzuwirken“, sagt Marina Rodnina, Geschäftsführende Direktorin des MPI für biophysikalische Chemie. „Deshalb schaffen wir ein Biotop, das das gesamte Institutsgelände einschließt.“ „Unser BioDiversum ist als Mosaik aus unterschiedlichen Habitaten konzipiert, sodass es die Lebensbedingungen insbesondere für Vögel und Insekten, aber auch für weitere Tiergruppen nachhaltig verbessert“, ergänzt BioDiversum-Koordinator Frederik Köpper. Bereits im vergangenen Jahr hat das Institut bis dato intensiv bewirtschaftetes Grünland in Blühwiesen verwandelt und Sträucher sowie weitere Gehölze angepflanzt.

Die Erdarbeiten für den Teich des Biotops am MPI für biophysikalische Chemie haben begonnen.

Der heutige Beginn der Erdarbeiten auf einer bisher verpachteten Weidefläche im Nordosten des Institutsgeländes leitet die zentrale Maßnahme des Projekts ein. „Dort entsteht ein 900 Quadratmeter großer Teich, der nachhaltig durch Oberflächenwasser gespeist wird“, erläutert Ulrich Küneke vom Göttinger Landschaftsarchitektur-Büro Wette+Küneke, der das Konzept für das Biotop gemeinsam mit dem Institut erarbeitet hat. Dafür werde eine aufwendige Anlage installiert, die das Wasser sammelt, reinigt und dann in den Teich pumpt, berichtet Reiner Schymura, Leiter des Baumanagements am Institut. Gerade am Standort Nikolausberg ist ein Teich von besonderer ökologischer Bedeutung, da es hier nur wenige offene Wasserflächen gibt. So wird diese Maßnahme das Spektrum an Arten, denen das Biotop Lebensraum bieten kann, wesentlich erweitern. 

Luftbild der Teichbaustelle am MPI für biophysikalische Chemie

Die restliche Weide wird anschließend abgemagert und eine Streuobstwiese angelegt sowie Blühsträucher ergänzt. Weitere Maßnahmen umfassen mehrreihige Hecken, Lesesteinhaufen und einen großen Kompost. Außerdem werden mehr als 100 Nistkästen verschiedensten Vogelarten Brutplätze bieten. Rechtzeitig zur jetzt beginnenden Brutsaison wurden die ersten 20 angebracht. Fledermauskästen werden folgen. 

„Ein solches Biotop-Projekt ist einmalig in der Max-Planck-Gesellschaft“, betont Emeritus-Direktor Herbert Jäckle vom MPI für biophysikalische Chemie, der das BioDiversum initiiert hat. „Wir hoffen, dass andere Institute nachziehen und ihrerseits ein Biotop anlegen werden. Auch im Raum Göttingen gibt es Potenzial für weitere Renaturierungsmaßnahmen. Wir freuen uns auf den Austausch mit jedem, der ebenfalls ein Biotop anlegen möchte.“ 

Fachliche Ratschläge von Peter Berthold

Das Konzept für das BioDiversum basiert auf Vorschlägen von Peter Berthold. Der bekannte Ornithologe und emeritierte Max-Planck-Direktor war bereits im Jahr 2019 am Institut zu Gast, um erste Ideen für das Biotop zu erarbeiten. Auch Vertreter des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND sowie des Fachbereichs Stadtgrün und Umwelt der Stadt Göttingen steuerten wertvolles Wissen bei.

Peter Berthold (Mitte) besuchte im März 2019 das Institut und entwickelte erste Ideen für das Biotop.

Peter Berthold ist ausgewiesener Experte für Renaturierungsmaßnahmen. Unter dem Motto Jeder Gemeinde ihr Biotop propagiert er seit Jahren ein deutschlandweites Netzwerk: Auf landwirtschaftlich unattraktiven Flächen sollen kleine und größere Biotope entstehen. Sein Ziel ist es, dass die einzelnen Biotope nicht mehr als zehn Kilometer voneinander entfernt liegen, sodass Arten sich von einem Standort zum nächsten ausbreiten können. Er ist überzeugt, dass sich so die Artenvielfalt in wenigen Jahrzehnten wieder auf den Stand von 1950 anheben lässt. 

Dass dieser Plan funktionieren kann, hat Berthold bereits gezeigt: Der von ihm seit 2004 gemeinsam mit der Heinz Sielmann Stiftung geschaffene Biotop-Verbund Bodensee übertraf alle Erwartungen. Die Brutbestände zahlreicher gefährdeter Vogelarten erholten sich innerhalb weniger Jahre, selbst stark beeinträchtigte Flächen entwickelten sich zu artenreichen Lebensräumen.  

Mehr als ein Biotop

Als Forschungsinstitut verbindet das MPI für biophysikalische Chemie das BioDiversum mit einem wissenschaftlichen Anspruch. Die Entwicklung der Artenvielfalt und damit der Erfolg des Projekts soll langfristig messbar sein, um weniger wirkungsvolle Maßnahmen gegebenenfalls anpassen zu können. Dafür erfassen Experten aus der Region in regelmäßigen Abständen den Bestand an Pflanzen und repräsentativen Tiergruppen. Im Jahr 2019 bestimmten sie erstmals den Status quo für Vögel, Wildbienen, Schmetterlinge, Heuschrecken, Fledermäuse sowie Pflanzen. Die Experten machten darüber hinaus Vorschläge, die in das Biotop-Konzept einflossen. 

Das BioDiversum wird für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein. Infotafeln vor Ort und eine ausführliche Webseite werden das Projekt in all seinen Facetten erläutern. Außerdem wird das Biotop-Projekt eine pädagogische Dimension haben: Es ist geplant, den Institutskindergarten durch Aktionen einzubeziehen und die Kinder so für die Themen Natur und Biodiversität zu begeistern. Auch Kooperationen mit Göttinger Schulen sind angedacht. 

Die Baumaßnahmen für das BioDiversum finanziert die Max-Planck-Gesellschaft. Die Sparkasse Göttingen hat großzügig die finanziellen Mittel für die Nistkästen gespendet. Die jährlichen Pflegekosten wird das Institut tragen. (fk/cr)

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