„Wir haben Glück, dass der Erreger durch Impf-Immunität sehr gut angreifbar ist“

Seit Wochen dominieren sie die Schlagzeilen: die Corona-Impfungen. Täglich gibt es neue Meldungen über Verzögerungen, Erfolge, angebliche Gefahren. Doch was ist Fakt, was Spekulation? Stefan Kaufmann, Emeritus-Direktor am MPI-BPC und ausgewiesener Experte für Immunologie und Impfstoffe, hat uns im Februar 2021 aktuelle Fragen beantwortet.  

Herr Kaufmann, in der EU sind inzwischen drei Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen. Die ersten Menschen wurden geimpft. Hätten Sie sich das vor einem Jahr vorstellen können?

Stefan Kaufmann: Als vor einem Jahr die Covid-19-Krise begann, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass innerhalb von zehn, zwölf Monaten drei Impfstoffe zugelassen und diese sogar schon verimpft werden. Das ist ein Wahnsinns-Vorgang, so schnell hat eine Impfstoffentwicklung noch nie geklappt.

Prof. Dr. Stefan Kaufmann

Die jetzt zugelassenen Impfstoffe wurden innerhalb von einem Jahr entwickelt, getestet und zugelassen. Das ist viel schneller als bei früheren Impfstoffen, bei denen das eher zwölf Jahre oder noch länger gedauert hat. Wie kommt es, dass es jetzt so schnell ging?

Es braucht vier Aspekte, damit ein Impfstoff in die Entwicklung und klinische Testung kommt: Erstmal muss ein großer Bedarf da sein. Wenn der da ist, muss zweitens auch das finanzielle Interesse da sein, die Forschung und Entwicklung zu unterstützen, denn die Impfstoffentwicklung ist teuer. Drittens muss man etwas über den Erreger wissen. Und viertens muss der Erreger von der Impf-Immunität gut angreifbar sein.

Das war bei den Corona-Impfstoffen fast alles gegeben: Der Bedarf war enorm, die finanzielle Förderung war enorm, es gab Vorwissen durch SARS und MERS, und dann war noch das Glück, dass der Erreger durch Impf-Immunität sehr gut angreifbar ist: Antikörper können das Virus blockieren, und deren Produktion ist recht gut durch Impfungen auszulösen. Das ist anders bei Impfungen gegen große Seuchen wie Tuberkulose, AIDS oder Malaria.

Die ersten in der EU zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna basieren auf mRNA, also auf Nukleinsäuren. Was ist das Besondere an dieser Art Impfstoff?

Bei RNA-Impfstoffen wird kein inaktivierter Erreger gespritzt und auch kein Antigen – also das Protein, das die Immunantwort stimuliert. Stattdessen wird die Information dazu verabreicht, die Nukleinsäure. Die Körperzellen produzieren dann das Antigen entsprechend der Information. Diese Art von Impfstoffen ist nagelneu, aber es lagen Erfahrungen vor aus der Forschung zur Krebstherapie. Wenn die Immunität, die durch RNA-Impfstoffe hervorgerufen wird, ausreichend Schutz bietet, wie das bei Covid-19 der Fall ist, dann haben diese Impfstoffe zahlreiche Vorteile. Sie lassen sich schnell produzieren und technisch ist es sehr einfach, sie an Mutationen des Erregers anzupassen.

So funktionieren RNA-Impfstoffe: RNA-Impfstoffe werden in Nanopartikeln aus Lipiden verabreicht, um sie vor Abbau zu schützen. Muskelzellen nehmen die RNA auf stellen nach ihrer Anleitung Virus-Proteine her. Die Virus-Proteine werden von der Muskelzelle ausgeschleust und können von dendritischen Zellen aufgenommen werden. Außerdem können RNA-Impfstoffe auch direkt von dendritischen Zellen aufgenommen werden. Diese Immunzellen verdauen die Virus-Proteine und präsentieren die Bruchstücke dann an ihrer Oberfläche, wo sie von T-Helferzellen (Th1: T-Helfer-1-Zelle, Th2: T-Helfer-2-Zelle) erkannt werden. Dies stimuliert die Helferzellen, die daraufhin ihrerseits über Signalstoffe die T-Killerzellen (TK) und Antikörper-produzierende B-Zellen (B) stimulieren. Im Falle einer Infektion neutralisieren aktivierte B-Zellen dann das Virus, T-Killerzellen zerstören vom Virus infizierte Körperzellen.

Und trotz neuer Technologie, Entwicklung und Zulassung: Sind die neuen Impfstoffe sicher?

Ja, es handelt sich hier um eine neue Technologie. Aber die Nanopartikel, in die die RNA verpackt ist, wurden bereits vorher eingesetzt und bei der RNA sind wenig Nebenwirkungen zu befürchten. Die RNA wird, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hat, im Körper rasch abgebaut. Weiterhin kann diese Nukleinsäure nicht in unser Erbgut eingebaut werden, denn der menschliche Körper hat nicht die Fähigkeit, RNA in DNA umzuschreiben. Die RNA-Impfstoffe sind daher konzeptionell sehr sicher.

Die klinischen Studien haben bis zum Schluss, also in der Phase III, auf Sicherheit geachtet. Ganz wenige Menschen sind allerdings gegen einen Bestandteil der Nanopartikel allergisch. Das ist das Polyethylenglykol. Das hat man in den Studien festgestellt, war also darauf vorbereitet. Die Zulassung verlief außerordentlich schnell. Da wurde aber nichts vernachlässigt, sondern einfach zügigst durchgearbeitet. Ich hoffe, dass dies auch Vorbild für zukünftige Impfstoffe der Fall sein wird. Langfristige seltene Impfkomplikationen können wir natürlich nicht vollständig ausschließen, dafür aber wird weiter beobachtet und erfasst, und möglichen Komplikationen wird nachgegangen.

Es kursieren verschiedene Gerüchte zur Sicherheit der Impfstoffe. Eines lautet: Nach der Impfung sei man für einige Tage selbst ansteckend, wie das etwa bei einer Masern-Impfung der Fall sein kann.

Ein RNA-Impfstoff kann nicht ansteckend sein, das ist gesichert. Das gilt für fast alle Impfstoffe, mit nur ganz wenigen Ausnahmen. Das sind möglicherweise abgeschwächte Lebendimpfstoffe wie der gegen Masern oder die orale Polio-Impfung.


"Wir müssen eine Immunität von 85 Prozent oder noch höher haben, um Herdenimmunität zu erreichen.“



Laut eines anderen Gerücht könne der Impfstoff Frauen unfruchtbar machen, weil er das Protein Syncytin enthalte, das auch vom Embryo hergestellt wird.

Diese Behauptung halte ich schlichtweg für falsch. Syncytin-1 ist ein Protein, das in der Plazenta gebildet wird. Das Corona-Spike-Protein enthält eine kurze Sequenz von fünf Aminosäuren – also den Bausteinen der Proteine. Die zeigen eine Übereinstimmung mit Syncytin-1. Das ist eine ganz schwache Ähnlichkeit, denn das gesamte Spike-Protein besteht aus über 1200 Aminosäuren und das gesamte Syncytin-1 aus über 500. Weiterhin gibt es keine Hinweise, dass natürliche Infektionen mit SARS-CoV-2, bei dem ja auch das Spike-Protein Immunität hervorruft, unfruchtbar machen. Schließlich kämen Antikörper gar nicht so leicht an das Syncytin in der Plazenta, denn es ist dort sehr versteckt und vor Antikörpern geschützt.

Schützen die Impfstoffe nur vor dem Krankheitsausbruch oder auch vor der Infektion? Mit anderen Worten: Können Geimpfte Covid-19 übertragen?

Im Augenblick wissen wir nur, dass die Impfstoffe ausgezeichnet gegen Krankheit schützen. Das ist ihre Stärke, und darauf wurde in den klinischen Studien geachtet. Die Frage, ob die Impfung auch vor einer Infektion und damit vor Übertragung schützt, wurde für die Beurteilung erst einmal als weniger wichtig eingestuft.

Aus Israel, wo ein großer Teil der Bevölkerung bereits geimpft ist, gibt es erste Daten zum RNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer, die mich hoffnungsvoll stimmen: Dort wurde in den ersten zwei Wochen nach der Erstimpfung bereits ein deutlicher Rückgang an Infektionen unter den Geimpften festgestellt, weitere zwei Wochen später war der Effekt noch stärker. Noch ist nicht ganz klar, ob die Infektion erst gar nicht stattfindet oder ob nach einer kurzen Infektionsphase die Erreger schnell eliminiert werden. Wir können aber annehmen, dass die Geimpften weniger ansteckend sind, aber genau können wir noch nicht sagen, ob sie für einen kürzeren Zeitraum und mit geringerer Infektiosität ansteckend sind oder gar nicht.


Herr Kaufmann hat diese Aussage am 5. Mai 2021 wie folgt ergänzt:

In der Zwischenzeit wissen wir, dass die Impfstoffe eine stabile Infektion mit SARS-CoV2 weitgehend verhindern und die Übertragung sehr deutlich unterbinden. Auch wissen wir, dass die Impfstoffe zumindest schwere Covid-19-Erkrankungen durch die Mutanten deutlich mildern. Es ist schon ein Unterschied, ob man lediglich Husten oder Fieber hat oder aber auf eine Intensivstation verlegt werden muss.


Wie schnell lassen sich die jetzt verfügbaren Impfstoffe an Mutanten des Virus anpassen, die die Impfung unwirksam machen oder abschwächen könnten?

Mutationen an Stellen des Virus, an denen die Antikörper angreifen, können eine Evasion ermöglichen, das heißt, das Virus wird nicht mehr so gut abgewehrt. Aber hier haben die RNA-Impfstoffe einen großen Vorteil: Die kann man sehr schnell anpassen. Da wird die Sequenz entsprechend der Mutation im Erreger verändert und dann wirken sie wahrscheinlich wieder sehr gut. Man muss natürlich dann sehen, inwieweit wieder klinische Studien nötig sind. Da der Impfstoff grundsätzlich der gleiche ist, gehe ich davon aus, dass man nur sogenannte Bridging-Verfahren braucht, das heißt, nur wenige Untersuchungen, die belegen, dass der Impfstoff weiterhin wirksam und sicher ist.

Ausgehend von der bisherigen Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 müssen mindestens 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen und die Verbreitung von Covid-19 kontrollieren zu können. Ändert sich das, wenn sich ansteckendere Varianten wie die britische oder die südafrikanische bei uns ausbreiten?

Als erstes muss man sagen: Solange wir nicht wissen, wie gut die Impfung auch vor Infektion und Übertragung schützt, müssen wir etwas vorsichtig sein, wenn wir damit Herdenimmunität erreichen wollen. Daten aus Israel zeigen, dass Impfung wohl tatsächlich die Verbreitung des Virus verhindert.

Und mit der Herdenimmunität ist das so eine Sache: Unter 70 Prozent kann man sich anstecken, darüber nicht – so einfach ist das nicht. Das hängt von vielen Faktoren ab: Unter anderem von der Ansteckungsrate des Erregers, der Überlebensfähigkeit des Erregers in der Umgebung, dem Übertragungsweg. Bei einem Erreger, der über die Luft übertragen wird, wie bei SARS-CoV-2, müssen wir eine Immunität von 85 Prozent oder noch höher haben, um Herdenimmunität zu erreichen. Dies hängt auch vom Verhalten der Menschen ab: Je höher die Mobilität, desto höher liegt der Wert für die Herdenimmunität. Schließlich erhöhen auch ansteckendere Virusvarianten diesen Wert. Umgekehrt gilt natürlich auch: Wenn AHA-Regeln und große Einschränkungen im Umgang mit anderen eingehalten werden, kann die Herdenimmunität schon früher greifen.

Gehen Sie davon aus, dass Menschen, die mit den neuen Impfstoffen immunisiert sind, eine ebenso hohe Immunität besitzen wie Menschen, die eine Covid-19-Infektion durchgemacht haben?

Ja, davon gehe ich aus. Vielleicht ist die Immunisierung sogar besser, denn die Impfung ist so gemacht, dass sie eine ganz starke Immunantwort auslöst. Und aus Erfahrung wissen wir, dass Impfungen im Sinne eines Schutzes durchaus besser sein können als eine natürliche Infektion.


„Die Weltgesundheitsorganisation hat zehn Bedrohungen für die Gesundheit der Menschheit genannt. Eine davon ist: Zurückhaltung bei der Impfbereitschaft.“



Parallel wurden viele weitere Impfstoffe gegen Corona entwickelt, die bisher aber noch nicht zugelassen sind. Werden die jetzt noch gebraucht?

Für den Anfang sollten wir mit den jetzt verfügbaren Impfstoffen mehr als zufrieden sein. Andererseits brauchen wir Milliarden Impfstoffdosen weltweit. Um das zu erreichen, müssen wir andere Impfstoffe weiterverfolgen und zulassen. Außerdem arbeiten die Impfstoffe häufig mit unterschiedlichen Prinzipien. Zwar ist die Schutzrate der RNA-Impfstoffe von 95 Prozent gegen Erkrankung ausgezeichnet. Aber andere Impfstoffe könnten für bestimmte Zwecke besser geeignet sein. Ein Impfstoff könnte besser bei Jüngeren wirken, ein anderer besser bei Älteren. Langfristig werden sicher neue Impfstoffe kommen, in die weitere Antigene integriert wurden. Oder inaktivierte Impfstoffe, wie sie in China entwickelt und benutzt werden, die weitgehend das gleiche Antigen-Repertoire wie der Erreger aufweisen. Da steigen die Chancen, dass die Viren durch Mutation nicht so schnell der schützenden Immunantwort entweichen können.

Welche Fragen zu den Corona-Impfstoffen sind für Sie noch offen?

Da sind eine ganze Masse Fragen noch offen. Erstens wissen wir noch gar nicht, wie lange die Impfstoffe wirken. Wir hätten natürlich im Idealfall, was unwahrscheinlich ist, eine lebenslange Immunität. Dann wissen wir nicht, wie breit die Impfstoffe wirken, das heißt, ob sie gegen Mutanten Schutz ausbilden oder nicht. Wir wissen nichts Genaueres über ihre Wirkung bei bestimmten Bevölkerungsgruppen: Können wir auch Menschen mit einer Immunsuppression oder bestimmten anderen Vorerkrankungen erfolgreich und sicher impfen? Weiter: Wird es einen Impfstoff geben, der mit einem anderen zusammen sehr viel besser wirkt?

Eine letzte Frage. Was muss man tun, um die Impfbereitschaft zu erhöhen?

Die Weltgesundheitsorganisation hat 2019 zehn Bedrohungen für die Gesundheit der Menschheit genannt. Eine davon ist: Zurückhaltung bei der Impfbereitschaft. Die kann sehr viele unterschiedliche Gründe haben. Erstens gibt es Menschen, die ungenügendes Vertrauen in die Impfstoffe haben und eventuell falsch informiert wurden – ich nenne sie Impfzweifler. Zweitens gibt es Impfskeptiker, die Fragen aufwerfen. Die haben vielleicht ab und zu auch ein gutes Argument, aber im Großen und Ganzen sind die Argumente nicht stichhaltig. Hier kann es sich lohnen, mit ihnen zu sprechen und sie zu überzeugen. Und drittens gibt es Impfgegner, die an Fake News glauben und diese auch verbreiten. Das geht im Extremfall bis zu Verschwörungstheorien. Dagegen ist leider schwer etwas auszurichten.

Insgesamt kann noch deutlich mehr getan werden, um die Menschen zu überzeugen, dass bei den Impfungen die Vorteile überwiegen. Da muss man den Vergleich klar machen: Einerseits gibt es ein Impfrisiko, das außerordentlich gering ist. Andererseits besteht das Risiko, zu erkranken und möglicherweise zu sterben. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass in Europa das Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen geringer ist als das Vertrauen in die Wirksamkeit. Man glaubt also eher daran, dass ein Impfstoff wirkt, als daran, dass er sicher ist.

Herr Kaufmann, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Frederik Köpper

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