Familie-Hansen-Preis 2011 geht an Stefan Hell

16. März 2011

Der Forscher am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie und am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg erhält den Preis für seine Durchbrüche auf dem Gebiet der Mikroskopie. Die von der "Bayer Science & Education Foundation" verliehene Auszeichnung zählt zu den renommiertesten Wissenschaftspreisen in Deutschland. Sie ist mit 75.000 Euro dotiert.

Dr. Marijn Dekkers, Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Prof. Dr. Stefan W. Hell und Dr. Wolfgang Plischke bei der feierlichen Preisverleihung in Berlin (v. links).

"Die Arbeiten von Professor Hell seien ein eindrucksvoller Beleg für den hohen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung in Deutschland. Bis vor kurzem sei es undenkbar gewesen, was seine Arbeiten auf dem Gebiet der Lichtmikroskopie heute ermöglichen: den Einblick in lebende Zellen und Gewebe", sagte Dr. Marijn Dekkers, Vorsitzender des Vorstandes der Bayer AG, bei der feierlichen Verleihung des Familie-Hansen-Preises 2011 am 15. März 2011 in Berlin.

Mit seinen zunächst sehr ungewöhnlichen Ideen hat der Preisträger Prof. Dr. Stefan W. Hell Lehrbuchwissen auf den Kopf gestellt. "Professor Hell hatte den festen Glauben, die von Abbe gefundene Beugungsgrenze bei Lichtmikroskopen brechen zu können. Mit Mitteln der Physik hat er eine scheinbar unüberwindliche Grenze überschritten und etwas erreicht, was nun in der Medizin und Biologie sehr hilfreich ist", begründete der Bayer-Forschungsvorstand Dr. Wolfgang Plischke die Entscheidung des Kuratoriums.

Die Entdeckungen des Göttinger Physikers haben die Lichtmikroskopie revolutioniert und führten zu einer neuen Klasse von Lichtmikroskopen, die wesentlich tiefer in die molekulare Skala des Lebens vordringen können. Die von Hell erfundene und entwickelte Stimulated Emission Depletion (STED)-Mikroskopie und damit verwandte Verfahren erlauben es, lebende Zellen mit einer heute bis zu zehnmal besseren Detailschärfe zu beobachten und Strukturen sichtbar zu machen, die viel feiner sind als 200 Nanometer. Damit lassen sich winzige, fluoreszenzmarkierte Proteinkomplexe mit einer Größe von nur 20 bis 50 Nanometern getrennt voneinander beobachten – Strukturen, die etwa 1000-mal kleiner sind als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Mit der von Hell erreichten Auflösung "wird die Dynamik des intrazellulären Geschehens zugänglich – und uns wahrscheinlich ebenso viel Neues zeigen, wie das Lichtmikroskop von vor vierhundert Jahren", betonte Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär der Human Frontier Science Program Organization und Vorsitzender des Stiftungskuratoriums. Der Preisträger betonte in seiner Rede: "Es bereitet mir und meinen Mitarbeitern große Freude zu sehen, dass dieser Durchbruch auf dem Gebiet der angewandten Physik in die Biologie und Medizin Einzug hält und uns allen am Ende zugutekommen wird." (cr)

Zur Person

Stefan W. Hell (Jahrgang 1962) studierte nach dem Abitur in Ludwigshafen am Rhein in Heidelberg Physik. Er habe "fantastische" Physiklehrer und Hochschullehrer gehabt, denen man die Freude angemerkt habe, Physiker zu sein, Forschung zu machen und Dinge verstehen zu wollen. Nach seiner Promotion 1990 in Heidelberg verfolgte er seine Ideen zunächst als "freier Erfinder". Nach einer Zeit als Postdoktorand am EMBL in Heidelberg ging er 1993 als Gruppenleiter nach Turku, Finnland. Dort entwickelte er das Prinzip der STED-Mikroskopie. Von Turku aus wechselte Hell 1997 als Leiter einer Max-Planck-Nachwuchsgruppe an das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen und wurde dort im Jahr 2002 als Direktor und Leiter der Abteilung "NanoBiophotonik" berufen. Daneben ist Hell seit 2003 Leiter der Abteilung "Optische Nanoskopie" am Deutschen Krebsforschungszentrum. Er ist außerplanmäßiger Professor für Physik an der Universität Heidelberg und lehrt als Honorarprofessor für Experimentalphysik seit 2004 an der Georg-August-Universität Göttingen. Für seine Leistungen wurde Stefan Hell mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Er erhielt unter anderem den Preis der International Commission for Optics (2000), den Carl-Zeiss-Preis (2002), den Karl Heinz Beckurts-Preis (2002), den 10. Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten (2006), den Julius-Springer-Preis für Angewandte Physik (2007), den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (2008), den Niedersächsischen Staatspreis (2008) sowie den Otto-Hahn-Preis für Physik (2009) und den Ernst-Hellmut-Vits-Preis (2010).

Zum Familie-Hansen-Preis

Mit dem Familie-Hansen-Preis werden Wissenschaftler geehrt, die wegweisende Forschungsbeiträge auf innovativen Gebieten der Biologie und Medizin geleistet haben. Er wird seit dem Jahr 2000 im Andenken an den Preisstifter Prof. Dr. Kurt Hansen von der "Bayer Science & Education Foundation" verliehen. Die Stiftung verfolgt als vorrangige Ziele die Ehrung herausragender Forschungsleistungen, die Förderung wissenschaftlicher Talente und die Unterstützung bedeutender, naturwissenschaftlicher Schulprojekte. Herausragende Forschungsleistungen honoriert die Stiftung im jährlichen Wechsel mit dem Familie-Hansen-Preis und dem Otto-Bayer-Preis, die mit jeweils 75.000 Euro dotiert sind.

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