Grünes Licht aus Brüssel für Doktorandenausbildungszentrum "Neurowissenschaften"

5. Dezember 2003

"Wir möchten helfen, junge Forscher zu Spitzenwissenschaftlern zu machen – vor allem Neugier motiviert Menschen" (Achilleas Mitsos, Generaldirektor Forschung der EU). Unter dem Acronym NEUREST entsteht in Göttingen ein Doktorandenausbildungszentrum für Neurowissenschaften, das von der Europäischen Union mit 1,7 Mio. Euro gefördert wird.

NEUREST und was sich dahinter verbirgt. Reinhard Jahn und Joachim Bormann präsentieren das Logo des neuen Doktorandenausbildungszentrums.

Wissenschaft war stets international. Auch zu Zeiten, als es noch keine modernen Verkehrsmittel gab, nahmen die Wissbegierigen weite Wege zu ihren Lehrern in Kauf. So entstanden Denkschulen, die untereinander kommunizierten und weltweit die Gemeinschaft der Wissenschaften begründeten. Heutzutage erleichtern Marie-Curie-Stipendien der EU jungen Wissenschaftlern die Mitarbeit in einem ausländischen Forschungsteam. Umgekehrt erhalten Forschergruppen aller Disziplinen die Chance, frischen Wind in ihr Team zu holen. Einzelpersonen, aber auch Forschungsinstitutionen können sich um die Stipendien zur Finanzierung der Reise-, Aufenthalts- und Forschungskosten bewerben.

Mit seinen zahlreichen Universitäts- und Forschungsinstituten hat sich Göttingen längst zu einer international angesehenen Denkschule für Neurowissenschaften entwickelt und ist Anlaufstelle für Forscher aus aller Welt. Insgesamt aber sind gut ausgebildete Neurowissenschaftler, die sich mit der Erforschung der Arbeitsweise des Gehirns und seinen Funktionsstörungen beschäftigen, eher Mangelware in Europa. Für unsere Gesellschaft aber ist Forschung gerade auf diesem Gebiet von allerhöchster Wichtigkeit, hat doch die Häufigkeit bestimmter Gehirnerkrankungen (z.B. Demenzen, Morbus Alzheimer, Schlaganfall) mit steigender Lebenserwartung der Bevölkerung zugenommen. Ein Verlust an Lebensqualität ist oft die schmerzliche Folge für betroffene Patienten und deren Angehörige, andererseits aber ist zu befürchten, dass steigende Krankheitskosten unsere sozialen Sicherungssysteme in die Handlungsunfähigkeit treiben.

Zwei wichtige europäische Ziele - Förderung der Mobilität von Nachwuchswissenschaftlern und Erforschung der Funktionsweise des Gehirns und Bekämpfung seiner Krankheiten - sollen in Göttingen künftig gemeinsam verfolgt werden. Marie-Curie-Stipendien werden jungen Gastwissenschaftlern ein erstklassiges und breit gefächertes Promotionsstudium in den Neurowissenschaften ermöglichen und sie fit für den Berufsstart in einem industriellen oder akademischen Forschungsumfeld machen. Der vom MPI für biophysikalische Chemie in Kooperation mit Göttinger Partnereinrichtungen bei der EU gestellte Antrag auf Einrichtung eines Doktorandenausbildungszentrum hat alle Hürden der Begutachtung genommen und ist eines der wenigen in diesem Bereich zur Förderung vorgeschlagenen Projekte (6%).

Koordiniert wird "NEUREST" (Neuroscience Early Stage Training) von Prof. Reinhard Jahn, Direktor der Abteilung Neurobiologie, der bei seinen wissenschaftlichen und administrativen Aufgaben von Dr. Joachim Bormann unterstützt wird. Partner des Zentrums sind das MPI für experimentelle Medizin, die Medizinische Fakultät der Universität (Neurophysiologie, Neurologie u.a.), die Fakultäten für Biologie und Physik, das Deutsche Primatenzentrum sowie forschungsorientierte Firmen wie Biomedizinische NMR, Develogen, Synaptic Systems und iOnGen.

Der Schwerpunkt des Forschungstrainings, an dem sich insgesamt 40 Dozenten beteiligen, liegt auf der Bearbeitung eines wissenschaftlichen Themas im Gastlabor. Zur Erweiterung der Methodenkenntnisse muss jeder Stipendiat fünf praktische Kurse in anderen Labors absolvieren, einen davon als Advanced Course außerhalb Göttingens. Eine Besonderheit des multidisziplinären Ausbildungsprogramms sind Lehrveranstaltungen zum Erwerb "komplementärer" Fertigkeiten, z.B. Verfassen wissenschaftlicher Texte, Vortrags- und Präsentationstechniken sowie Bewertung ethischer (und unethischer!) Verhaltensweisen im Wissenschaftsbereich.

Promotionen von ausländischen Gastwissenschaftlern können bis zu drei Jahren aus den EU-Mitteln finanziert werden. Dazu werden insgesamt 540 Stipendienmonate zur Verfügung stehen - dies entspricht 15 durchgängigen Promotionen mit einer Laufzeit von jeweils drei Jahren. In der Praxis wird es aber auch einen Bedarf für Kurzeitstipendien (sechs Monate bis zwei Jahre) geben. Ein Komitee entscheidet über die Zulassung geeigneter Kandidaten, die sich in der Regel aus dem Ausland bewerben werden. Anwärter auf ein Stipendium sind aber auch Studenten, die gerade einen exzellenten Masters-Abschluss in den internationalen Studiengängen Neuroscience oder Molecular Biology in Göttingen erworben haben.

Wenn die soeben begonnenen Vertragsverhandlungen mit der EU nach Plan verlaufen, wird das neue Doktorandenausbildungszentrum Anfang 2004 seinen Betrieb aufnehmen.

Kontakt

Dr. Joachim Bormann
Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie
Tel. +49 551 201 1076

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