Mart de Vries (1925-2002)
Verblüffung und Irritation
Objektkästen

Klassische Archäologie III, Mart de Vries

Aus der Laudatio von Georg Hoppenstedt zur Ausstellung vorgestellt am 26. Juli im Künstlerhaus Göttingen

In unserer Ausstellungsreihe "vorgestellt" wollen wir auf Künstler unserer Region aufmerksam machen, deren Arbeit so interessant ist, dass sie mehr Beachtung verdient. Nun ist Mart de Vries eigentlich kein Unbekannter mehr, seit vielen Jahren erfreut er uns mit seinen skurrilen Objektkästen in den Jahresausstellungen vom Kreis 34. Er ist für alle, die Sinn für diese geistreiche Form der künstlerischen Mitteilung haben, schon längst ein Geheimtip.

Mart de Vries gehört einer Fraktion der Kunst an, die gerade in der Gegenwart starke Bedeutung erlangt hat. Es sind die Denkanreger, die durch Verblüffung und lrritation unser Nachdenken herausfordern, denken wir an René Magritte, der mit der Abbildung einer Pfeife bewusst macht, dass Kunst etwas ist, das hinter dem Abgebildeten liegt, wenn er neben die gemalte Pfeife schreibt, "dies ist keine Pfeife".

Die ursprüngliche Wurzel der Arbeit von Mart de Vries scheint mir denn auch bei den Surrealisten zu liegen, bei ihrer Methode, Gegenstände miteinander zu verbinden, die sich nicht üblicherweise aufeinander beziehen, die damit eine groteske und verblüffende Eindringlichkeit erhalten und sowohl unser Unterbewusstsein als auch den kritischen Geist ansprechen, wie beispielsweise Meret Oppenheimers Objekt einer Tasse mit Untertasse, das mit Fell bezogen ist. Eine Kunst also, in der durch überraschende und ungewöhnliche Kombinationen neue Gedanken entstehen und überraschende Erkenntnisse geweckt werden können.

Hier ist Mart de Vries auch ein Enkel unseres "Hausgeistes" - Lichtenberg - der Dinge und Gedanken miteinander in Beziehung setzen wollte, die nicht auf dem geraden Wege liegen, um so neue Gedanken und Erkenntnisse gewinnen zu können, und dessen Sudelbücher voll sind von solchen spielerischen Gedankenexperimenten. Das Spiel und der Zufall sind wesentliche Faktoren dieser Arbeitsweise, Schneckenburger spricht vom "objektiven Zufall", den die Surrealisten mystifiziert haben.

Fundstück

In der Kunst ist es oft ein "Fundstück", das den Künstler angesprochen hat, und bei ihm einen Prozess auslöst, der dann die Kombination von anderen Gegenständen bewirkt - und so entwickelt sich etwas, das vom Spieltrieb bewegt, teils vom Unterbewusstsein gesteuert, teils vom wachen Geist kommentiert, Assoziationen wachruft und neue Gedanken und Einfälle in uns auslöst.

Gedankensplitter hat Lichtenberg seine Sudelbucheintragungen auch genannt, Gedankenfundstücke könnte man zu Mart de Vries' Objektkästen sagen. Es gibt die stillen, leisen Gedankenkästen, die von der Poesie leben, die aus den Gegenständen kommt und ihrem sensiblen Arrangement. Und es gibt die Hammer, die Apercus, wo der Gedanke schlagend ist. Es sind häufig Wortspiele, oder bekannte Sentenzen, die die Gedanken für die Objektkästen ausgelöst haben oder umgekehrt von den Objekten aufgerufen wurden. Überhaupt sind die Kästen nicht ohne die Titel zu denken, sie gehören unmittelbar zur Arbeit dazu. Die Sprache ist die Leimrute, auf die Mart de Vries erst mal getreten ist und auf die er uns dann mit viel Hintersinn zu locken versteht.

Gerade die Sprache ist für einen Ausländer - und Mart de Vries ist durch seinen Namen unschwer als Holländer zu erkennen - auch eine Chance. Gerade die andere Sprache ist für einen Ausländer ein ständiger Anlass zum Vergleich, zum Umdenken, man ist täglich damit konfrontiert, die Sachen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, sie zu drehen und zu wenden und sie nicht einfach als selbstverständlich zu nehmen, wie sie einem mit der Muttersprache zugewachsen sind. Das schafft einen kritischen Blick und einen wachen Geist. So gesehen sollten wir alle viel häufiger Ausländer sein.

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