Mart de Vries (1925-2002)
Verblüffung und Irritation
Objektkästen

In Göttingen unbekannt? Emser Depesche (Otto von B.). Mart de Vries

Häufig sind es unsere Konsumgüter, denen Mart de Vries seine Aufmerksamkeit schenkt. Besonders, wenn sie im Verfall ihren Zweck verloren haben, gibt er ihnen liebevoll wieder eine Bedeutung. Da gibt es die archäologischen Arbeiten, von Mart de Vries auch so bezeichnet, bei denen die Stofflichkeit alter Dosen oder anderer Fundstücke in der Präsentation herausgeholt und sensibel arrangiert wird. In einem der Kästen lässt er uns in archäologischer Sicht in die Erdschichten sehen. Oben darüber aber schwebt eine Cola-Dose und wir ahnen, das ist das, was in der nächsten Schicht Zeugnis von uns ablegen wird. In einem anderen Kasten hängt das Bild einer Dollarnote, das Mart de Vries in liebevoller Feinarbeit mit Adler und allem Drum und Dran abgemalt hat, aber statt der Währungsaufschrift finden wir eine verrostete Cola-Dose - und statt der Aufschrift "in god we trust" (in Gott vertrauen wir) - lesen wir nun: "in god we rust' (in Gott rosten wir).

Apropos Gott - da gibt es eine Reihe von Arbeiten, die auf die Religion reagieren. Etwas eulenspiegelhaftes kommt da bei Mart de Vries zum Vorschein. Es ist hier nicht der bösartige Stachel des Antiklerikalen im Spiel, ganz im Gegenteil, es ist wie das Bemühen, den Ernst in der Religion ein wenig aufzuheben, sie menschlicher zu machen. Es sind dezente Interventionen, die sagen "seid nicht so ernst dabei, wir haben doch alle unsere Schwächen und wollen auch ein bisschen Spaß dabei haben".

Die Last des Lebens abstellen

Mein absolutes Lieblingsstück ist der doppelflügelige Kasten: "Stell deine Sorgen zur Seite ...", ein holländischer Schlager, wie mir Mart erzählte und schöner kann man nicht aufgefordert werden, die Last des Lebens abzustellen. Vor allem, wenn es eine genormte Last ist und hier jeder sein Kreuz trägt, wie bei diesen Fließbandkruzifixen. Und so sind die Christusse herabgestiegen von ihren Kreuzen und haben die Kreuze abgestellt, sie sind in Fußballtrikots geschlüpft und freuen sich sichtbar des Lebens. Aus derselben Haltung, in der sie leidend am Kreuz hingen, ist nun eine Haltung der Freude zu deuten, drei Männer haben die Arme hoch gerissen und halten sich an den Händen, scheinen vor Freude zu tanzen wie nach einem triumphalen Spiel. Und es sind - nebenbei bemerkt - drei verschiedene Nationaltrikots, deren Träger hier vereint jubeln. Schöner kann man nicht daran appellieren, mit allen Freundschaft zu pflegen und die Freude am Leben als das wichtigste zu nehmen.

Auch formal ist dieser Kasten wunderbar gestaltet, die Grautöne auf der rechten Seite mit dem Arrangement der Kreuze, kontrastiert - gekonnt herausgekitzelt - mit den bunten, lebendigen Farben der linken Seite. Und da ist es wieder spannend und belebend, wie die kleinen Figuren zu der großen roten Fläche in einem lebendigen Spannungsverhältnis stehen. Eine Vitalität entsteht hier, die den hoffnungsvollen Inhalt des Werkes unterstreicht. Ein Meisterwerk ohne jede Frage

"Sachensärge" hat Mart de Vries seine Kästen genannt, eine schockierende Wortkombination - und doch, es ist wahr: Wenn wir nicht den Geist aufbringen, sie zu verstehen, sie zu uns sprechen zu lassen, dann sind die Dinge in den Kästen beerdigt. Aber ich habe keine Angst, dass das passiert. Der Humor von Mart hat uns schon verführt, wir schmunzeln schon, ohne dass wir uns wehren können. Zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken möchte ich Sie in dieser Ausstellung einladen. Mart de Vries würde es vielleicht ein schmunzeliges Nachdenken nennen.

Zur Redakteursansicht