Affengesellschaft, Ich-Illusion und die Kunst des Entscheidens

"Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst" bringt wieder Spitzenforscher aus aller Welt in die Paulinerkirche

14. September 2012

Was unterscheidet den Affen vom Menschen? Wie entstehen Bewusstsein und freier Wille? Warum zaudern und zweifeln wir bei vielen Entscheidungen? Um diese und viele weitere Fragen aus der Welt der Forschung geht es in der diesjährigen Vortragsreihe "Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst" in der Göttinger Paulinerkirche. Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen in zehn Vorträgen vom 12. bis 21. Oktober 2012, jeweils um 19 Uhr, ihre aktuellen Bücher und Forschungsergebnisse vor. Die Wissenschaftsreihe bietet allen Interessierten einen Streifzug durch die internationale Spitzenforschung von den Natur- und Gesellschaftswissenschaften bis hin zur Kulturgeschichte. Das Themenspektrum reicht in diesem Jahr von der Primatenforschung bis zur Hirnforschung und Psychologie, von der Medizin bis zur Geschichte und Kosmologie.

Was können wir wissen? Der Mathematiker und Physiker Josef Honerkamp nimmt Begegnungen und Gespräche aus seinem Alltag zum Anlass, über die faszinierendsten Fragen rund um die Physik nachzudenken: über den Urknall, die Implikation von E=mc² oder Materie und Zeit. Mit seinem Vortrag am ersten Abend (Freitag, 12. Oktober) eröffnet Honerkamp die Vortragsreihe "Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst". Über Otto von Bismarck spricht am Samstag, 13. Oktober der Historiker Jonathan Steinberg. Mit außergewöhnlichem Weitblick und politischem Erfolg hat Bismarck die Geschicke Preußens, Deutschlands und Europas maßgeblich bestimmt. In seinem Vortrag stellt Steinberg die einfache Frage: Wie hat er das gemacht? Die renommierten britische Physiologin Frances Ashcroft spricht am Sonntag, 14. Oktober über das, was den Körper am Leben erhält: elektrische Signale. Sie sind für alles unerlässlich, was wir denken oder tun. Was passiert bei einem Herzinfarkt? Kann jemand vor Schreck wirklich sterben? Auf diese und viele andere Fragen hält Ashcroft fachkundige Antworten bereit.

Der Geschäftsführer der Göttinger Literaturherbst GmbH, Christoph Reisner (Mitte), mit zwei der Moderatoren für die Wissenschaftsreihe beim diesjährigen Literaturherbst, Gregor Eichele (Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, links) und Nils Brose (Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin, rechts).

Fallgeschichten auf Leben und Tod präsentiert am Montag, 15. Oktober Thomas Meinertz. Der ehemalige Kardiologe und Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung schöpft für seine dramatischsten und ungewöhnlichsten Begegnungen mit Patienten aus über 30 Jahren Berufserfahrung. Heinz Hilbrecht schlägt am Dienstag, 16. Oktober die Brücke von den alten Traditionen der Meditation zur modernen Hirnforschung. Seit über 2500 Jahren meditieren Menschen und steigern damit ihre Gehirnleistungen oder bauen Stress und Ängste ab. Oft scheint Meditation geradezu Übersinnliches zu leisten. Hilbrecht zeigt in seinem Vortrag, wie neurowissenschaftliche Methoden helfen, viele dieser Phänomene nachzuvollziehen und besser zu verstehen. Über Gefühlspolitik spricht am Mittwoch, 17. Oktober die Max-Planck-Forscherin Ute Frevert. War der absolutistisch-aufgeklärte Friedrich der Große ein Herr über die Herzen? Die Historikerin analysiert, wie der König die Zustimmung und Zuneigung seiner Untertanen zu gewinnen suchte, die seiner Herrschaft unterworfen waren und welche Spuren dies in der modernen Politik hinterlassen hat.

Ebenso vergnüglich wie lehrreich erläutert Julia Fischer am Donnerstag, 18. Oktober die Affengesellschaft. Die Primatenforscherin nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise zu neugierigen Berberaffen in Frankreich, kämpfenden Bärenpavianen in Botswana und scheuen Guineapavianen im Senegal, um herauszufinden, wie Affen zusammenleben, was die Grenzen ihrer Intelligenz sind und ob sie eine Sprache besitzen. Und weiß dabei auch einige Kuriosa über den Forschungsalltag zu berichten. Ein "Quantum Trost" hält Günther Ortmann am Freitag, 19. Oktober für alle Zauderer und Zweifler bereit. In seinem Vortrag verrät er, dass es gute Gründe gibt, bei Entscheidungen zu zögern.

Was wäre, wenn es nicht nur ein Universum gäbe, sondern zwei oder gar viele? Was spricht dafür, dass wir in den Weiten des Kosmos nicht allein sind? Der renommierte Physiker und Mathematiker Brian Greene nimmt Besucher am Samstag, 20. Oktober mit auf die Suche nach der "verborgenen Wirklichkeit" im Universum. Der Hirnforscher Michael Gazzaniga verrät am Sonntag, 21. Oktober, warum das "Ich" ein Märchen ist und beschreibt, wie dennoch Bewusstsein und freier Wille entstehen.

"Für die Vortragsreihe ‚Wissenschaft beim Göttinger Literaturherbst’ ist es uns auch in diesem Jahr gelungen, internationale Wissenschaftler von Weltruf in Göttingen zu versammeln", sagt Christoph Reisner, Geschäftsführer der Göttinger Literaturherbst GmbH. Die zehnteilige Reihe wird veranstaltet von der Göttinger Literaturherbst GmbH, den Göttinger Max-Planck-Instituten für biophysikalische Chemie, für Dynamik und Selbstorganisation und für Experimentelle Medizin sowie von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Die Göttinger Max-Planck-Institute stellen acht der zehn Moderatoren. Die anderen beiden Vorträge werden von der Universität Göttingen und vom NDR Kultur begleitet. "Die Vortragsreihe lebt nicht nur von den ausgezeichneten Vorträgen, sondern auch von dem fachkundigen Dialog zwischen Gastredner und Moderator und der lebhaften Diskussion mit dem Publikum", so Nils Brose, Direktor am Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin und Mitglied des Beirats des Göttinger Literaturherbstes.

Die Vorträge finden vom 12. bis 21. Oktober jeweils um 19 Uhr in der Paulinerkirche im Historischen Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (Papendiek 14) statt. Der Eintritt kostet zwischen 10 und 12 Euro. Im Vorverkauf sind die Karten erhältlich in der Buchhandlung Deuerlich (Weender Straße 33) und bei der Tourist-Information im Alten Rathaus (Markt 9). Eine telefonische Kartenbuchung ist unter der Telefonnummer 0551 / 499 80 31 möglich. (cr)

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